Was ist ein Lokus – und warum mehrere davon?
Ein Lokus ist ein fester Bereich im Erbgut, der eine bestimmte Eigenschaft steuert. Jedes Tier bekommt von jedem Elternteil eine Version dieses Bereichs – also immer ein Paar.
Die Farbe, die wir sehen, ist das Ergebnis mehrerer solcher Loci, die gleichzeitig wirken. Manche dominieren stark, andere sind nur unter bestimmten Voraussetzungen sichtbar. Was das Kaninchen äußerlich zeigt (Phänotyp), stimmt deshalb nicht immer mit dem überein, was es genetisch trägt (Genotyp).
Wie liest man einen Genotyp?
Jeder Lokus hat zwei Allele (ein Paar). Das dominantere Allel steht zuerst. Ein Platzhalter _ bedeutet: diese Stelle ist noch nicht sicher bekannt.
A/A
Reinerbig für Wild – kein verstecktes Allel
A/a
Spalterbig – Tier sieht wild aus, trägt aber Albino
a/a
Reinerbig rezessiv – Albino-Allel beidseitig
A/_
Zweites Allel noch unbekannt – Platzhalter
Wie GENKANIN diese Loci in der Verpaarungsplanung einsetzt → Alle Funktionen ansehen
Die Loci, die GENKANIN verarbeitet
Von oben nach unten: dominant → rezessiv
Steuert, wie viel von der Wildzeichnung erhalten bleibt – und ob überhaupt Pigment sichtbar wird. Der wichtigste Unterbau für die meisten Farben.
- A Vollfarbig – volle Wildanlage, Wildabzeichen möglich
- achi Chinchilla – Pigment reduziert, helles bis silbriges Erscheinungsbild
- am Marder / Siam – Pigment nur an kühlen Körperstellen sichtbar
- an Russe – Pigment noch stärker auf Akren beschränkt, weißer Körper
- a Albino – komplette Pigmentunterdrückung, alle anderen Farbgene überlagert
Steuert die Grundfarbe des Pigments und ob gelbe Anteile sichtbar werden. Eisengrau (Be) ist das dominanteste Allel – es kann Wildfarbigkeit optisch fast vollständig überdecken.
- Be Eisengrau – überlagert die Wildfarbigkeit stark, wirkt fast schwarz
- B Kein Gelb – keine Gelbanteile, Normalfarbe
- bj Japaner / Rhön – variable Gelbausprägung, kann Wildübergründe überdecken
- b Gelb / Thüringer – deutliche Gelbkomponente im Fell
Entscheidet, ob das Pigment normal aufgebaut wird oder ob es zu Havanna (Braun) umgebaut wird. Ein einfaches Zweiallel-System mit großer Wirkung auf das Erscheinungsbild.
- C Schwarz-Basis – Pigment wird normal gebildet
- c Havanna – Pigment klumpt, braune Farbe entsteht (nur bei cc sichtbar)
Steuert, ob das vorhandene Pigment verdünnt wird. Durch Verdünnung entsteht aus Schwarz das Blau und aus Havanna das Feh. Nur bei zwei rezessiven Allelen (dd) sichtbar.
- D Keine Verdünnung – Farbe normal sättig
- d Verdünnung – Blau (aus Schwarz), Feh (aus Havanna), nur bei dd wirksam
Entscheidet, ob Wildabzeichen sichtbar bleiben: Augenringe, Ohrenränder, helle Bauchseite und die typische Mehrfarbigkeit des einzelnen Haares. Viele Farben bauen direkt auf dieser Reihe auf.
- G Wild – typische Dreifarbigkeit des Haares, Wildabzeichen sichtbar
- go Otter – Wildstruktur erhalten, Abzeichen aufgehellt (cremig / hell)
- g Kein Wild – keine Wildabzeichen, durchgehende Farbe (bei gg)
Steuert, ob und wo Pigment eingelagert wird. Leuzismus verändert nicht die genetische Farbbasis – er überlagert nur optisch, wo Farbe erscheint. Zwei leuzistische Anlagen ergeben Weiß BA.
- X Leuzismus-Anlage – bei einem X: weiße Abzeichen (VM), bei zwei X: Weiß BA (blauäugig)
- x Kein Leuzismus – Farbe vollständig sichtbar
Weiß mit blauen Augen = Leuzismus (X-Reihe).
Genetisch zwei verschiedene Dinge.
Steuert, ob ein Tier gescheckt ist. Scheckung ist keine Farbe – das Tier ist genetisch genauso schwarz, blau oder havanna wie ein ungeschecktes. Zwei K-Anlagen zusammen (“Weißling”) erhöhen das Megacolon-Risiko deutlich.
- K Scheckung vorhanden – ein K reicht für sichtbare Zeichnung
- k Keine Scheckung – Tier zeigt keine Scheckabzeichen
Steuert die Holländerscheckung als eigenständiges Zeichnungsmerkmal. Auch hier gilt: Zeichnung ist keine eigene Farbe, sondern liegt auf der genetischen Farbbasis auf.
- S Keine Holländerscheckung sichtbar
- s Holländerscheckung vorhanden
Und dann sind da noch Modifikatoren
Neben den Hauptloci gibt es Gene, die nichts Grundlegendes verändern, aber das Erscheinungsbild feinjustieren. Der Rotverstärker (Y) sorgt für kräftigere Gelb- und Orangetöne, der Breitbandfaktor (W) verändert die Breite der Farbzonen im Haar und die Silberung (P) beeinflusst die Haarspitzen.
Der einzige „unechte“ Modifikator in GENKANIN ist Lutino (Lu). Genetisch ist Lutino ein eigenes Farbgen, in der App behandeln wir es wegen seiner Seltenheit wie einen Modifikator. Lutino kann auf praktisch jeder Farbbasis auftreten und hellt stark auf: aus Schwarz wird Gelb, aus Blau oder Feh werden pastellige Grautöne, sehr helle Farben wirken oft fast weiß.
Gemeinsam ist allen Lutinos: rote Augen. Auch dann, wenn die zugrunde liegende Farbe ohne Lutino zum Beispiel durch Leuzismus blauäugig wirken würde.
Diese Gene erzeugen meist keine neue Grundfarbe, verschieben aber das sichtbare Ergebnis teilweise deutlich.
Welche sichtbaren Farben aus diesen Genkombinationen entstehen, zeigt das Farbenlexikon.
Genabschnitt zu den Modifikatoren (Lu, Y, W, P)
Die folgenden vier Loci verarbeitet GENKANIN in der Modifikator-Logik.
Lutino wird in GENKANIN als Modifikator geführt, ist genetisch aber ein Farbgen. Es kann auf nahezu allen Farbbasen auftreten und hellt deutlich auf.
- Lu Kein Lutino
- lu Lutino vorhanden
Beeinflusst Intensität und Ausdruck gelber bzw. oranger Anteile. Verändert den Farbton, ohne die Grundfarbreihe selbst auszutauschen.
- Y Kein Gelbverstärker
- y Gelbverstärker vorhanden
Beeinflusst die Breite farbiger Bänder im Haar und damit die visuelle Verteilung der Farbe im Fell.
- W Kein Breitband
- w Breitbandfaktor vorhanden
Steuert die Silberung im Fellbild und wirkt damit auf den sichtbaren Gesamteindruck, nicht auf die Grundfarbe selbst.
- P Silber vorhanden
- p Kein Silber
Haarstruktur: erst sehen, dann genetisch lesen
Bei der Haarstruktur gilt dasselbe wie bei der Farbe: Die Optik gibt einen Hinweis, aber nicht immer die volle genetische Wahrheit. Ein Tier kann eine Haaranlage tragen, ohne dass sie im Phänotyp klar sichtbar ist.
Deshalb trennt GENKANIN die Darstellung bewusst: Zuerst die sichtbare Struktur, dann der Genotyp. So wird klarer, was wirklich vererbt werden kann und was nur wie ein Einzelfall aussieht.
Gene für Haarstrukturen in GENKANIN
Auch hier gilt: dominant → rezessiv, sofern nicht anders beschrieben.
Steuert, ob eine Mähnenstruktur auftritt. In der Praxis ist eine einfache oder stärkere Ausprägung möglich.
- M Mähnenausprägung vorhanden
- m Keine Mähnenausprägung
Rezessive Fellmutation mit kurzer, dichter Haarstruktur. Sichtbar wird Rex nur bei zwei rezessiven Allelen.
- R Normales Fell
- r Rexfell (sichtbar bei r/r)
Beeinflusst die Lichtwirkung des Fells. Das Fell wirkt glänzender, ohne die eigentliche Grundfarbe zu verändern.
- Sa Normales Fell
- sa Satinfell
Steuert langhaarige Angora-Ausprägung. Das wirkt auf die Felllänge, nicht auf die Farblogik der Hauptloci.
- V Normales Fell
- v Angorafell
Steuert eine fuchsartige Fellstruktur mit längerer Behaarung in bestimmten Bereichen.
- F Normales Fell
- f Fuchsfell
Typgene in GENKANIN: bewusst auf zwei Faktoren begrenzt
GENKANIN verarbeitet bei den Typmerkmalen bewusst nur zwei Loci: den Zwergenfaktor (Dw) und den Löffelohrfaktor (L). Der Grund ist praxisnah: Beide Faktoren lassen sich in der App zuverlässig dominant/rezessiv modellieren und sind züchterisch relevant, weil problematische Kombinationen auftreten können.
Bei beiden Loci warnt GENKANIN vor kritischen Anpaarungen und unterstützt damit eine tierschutzgerechte und ethische Zuchtführung. Beim Zwergenfaktor betrifft das insbesondere Verpaarungen mit erhöhtem Peanut-Risiko.
Löffelohr (L): Modell und Praxis-Hinweis
Für Löffelohren nutzt GENKANIN derzeit einen vereinfachten Erbgang (L dominant über l), auch wenn in Züchterkreisen immer wieder geschlechtsspezifische Beobachtungen diskutiert werden. Wir bilden damit die belastbarste, alltagstaugliche Regel für die Praxis ab – inklusive klarer Warnhinweise bei Risiko-Anpaarungen.
Aus der Zuchtpraxis wird zusätzlich berichtet, dass es bei Löffelohr-Linien in Einzelfällen zu körperlichen Fehlbildungen kommen kann, etwa im Kreuz- und Schwanzwirbelbereich (z. B. „verkürzte Blume“). Solche Tiere sollten nicht zur Zucht eingesetzt werden. Genau auf solche Konstellationen weist GENKANIN in den internen Warnungen explizit hin.
Als praktische Sicherheitsregel gilt deshalb: Löffelohr nur mit Normalohr oder Trägerlinie planen, keine riskanten Verdichtungen innerhalb enger Löffelohr-Linien. In der vereinfachten GENKANIN-Logik entspricht das etwa folgenden Paarungsbildern: Normalohr × Löffelohr ergibt vor allem Träger- bzw. Löffelohr-Nachkommen je nach Elternanlage; Träger × Normalohr mischt Träger und Normalohr; Träger × Löffelohr erhöht den Löffelohr-Anteil. Kritische Kombinationen werden in der App markiert.
Warum stimmen Optik und Genotyp manchmal nicht überein?
Fast jeder Locus kann Gene “tragen”, ohne sie zu zeigen – weil das dominantere Allel das rezessive verdeckt. Erst wenn ein Jungtier von beiden Elternteilen das rezessive Allel erbt, wird es sichtbar.
Eisengrau (Be) kann ein Tier so stark dunkeln, dass es optisch fast schwarz wirkt – obwohl es genetisch wildfarbig ist. Albino überlagert alle anderen Farben vollständig. Leuzismus macht Teile oder das ganze Fell weiß, ohne die genetische Farbbasis zu verändern.
Das ist kein Fehler im System – das ist Genetik.